Ich geniesse meine Ferien in LlaFranc an der Costa Brava in Spanien. Auf dem Balkon sitzend habe ich einen wunderbaren Überblick über die Strandpromenade und den Hafen. Ich lasse meinen Blick streifen und sofort werden Kindheitserinnerungen wach: Genau hier habe ich 1986 meine erste Suzuki GSX-R 750 erblickt. Ich kann mich daran erinnern, als ob es gestern gewesen wäre. Es war einer dieser Momente, wie sie vor allem in unserer Jugend statt finden: Die Zeit stand still, die übrige Welt wurde ausgeblendet und ich konnte mich an dem Motorrad nicht satt sehen. Die blau – weisse Farbgebung schrie förmlich danach, nur noch eine Startnummer aufzukleben und durch zu starten. Die klassischen Rundinstrumente, die Form von Tank und Verkleidung, die Doppelscheinwerfer… laut unbestätigten Aussagen hatte mein Vater echt Mühe, mich wieder nach Hause zu bringen.

Die Suzuki war ein Meilenstein des Motorradbaus: Konsequenter als je zuvor in einem Serienmotorrad, brachte Sie die Renntechnik auf die Strasse. Optisch war sie unter damaligen Maßstäben ein Racer mit Strassenzulassung. Sie war der Stoff, der mich Nächte lang nicht einschlafen liess. Mit dem Erscheinen der LE Edition mit Trockenkupplung wurde mein Schlafmanko noch grösser.

Wann hat diese Vernarrtheit in motorisierte Zweiräder bei mir begonnen? An meinem Kaffe nippend, versuche ich mich zu erinnern. Im zarten Vorschulalter ist mir ein Quartett – Spiel mit Motorrädern in die Hände geraten. Innert Kürze kannte ich alle technischen Daten auswendig und habe meinen auserkorenen Favoriten, eine MV 750, mit allen Mitteln gegen meinen Zwillingsbruder verteidigt. Hier beginnt meine Erinnerung.

Ebenfalls in Spanien spielte sich bereits Ende Siebziger Jahre ein ähnlich zeichnendes Erlebnis ab: Beim Glace schlürfen tauchte eine Moto Guzzi Le Mans auf und unterdrückte mit offenen Lafranconi Tüten das für mich ohnehin belanglose Gespräch meiner Eltern. Der Fahrer trug nur Badehosen, Sandalen und Sonnenbrille. Meine Mutter fand das verantwortungslos, ich hingegen ziemlich cool.

Unvergessen sind die Anfangsjahre der Rally Paris-Dakar Ende Siebziger- und Anfang 80er Jahre. Die Fahrer der Yamaha XT / Honda XR / BMW GS – Generation waren meine persönlichen Abenteuer – Helden. Aber auch die Strassenrennen der 80-er Jahre mit Grössen wie Kenny Roberts, Freddie Spencer, Eddy Lawson und Wayne Gardner haben sich unweigerlich in meinem Gedächtnis fest gebrannt.

Mit dem Erscheinen der Honda CBR 900 F Bold’or veränderte sich mein Schulweg schlagartig und führte von nun an am lokalen Honda Händler und Motorrad Vizeweltmeister Rolf Blatter vorbei, auch wenn dessen Motorradwerkstatt in der entgegen gesetzten Richtung lokalisiert war.

Die Situation verschlimmerte sich noch einmal, als 1982 die CBR 1100 (SC08) auf den Markt kann. Ich kann nicht mehr genau sagen, was mich zu diesem Zeitpunkt mehr faszinierte: Dieses Motorrad oder die Poster von Freddy Spencer in Rolf’s Werkstatt. 

Dann plötzlich stand sie da und schlug wieder ein neues Kapitel in meiner persönlichen Motorrad Geschichte auf: Die erste Honda CBR900RR Fireblade. Sie setzte auf das von der GSX-R begonnene und von Kawasaki’s ZXR weiter geführte klassische Sportmotorrad Design, kombinierte dieses jedoch mit damals sensationellem Leichtbau. Die aus heutiger Sicht zum Teil unmögliche Farbgebung konnte meiner neuen Liebe keinen Abbruch tun.

Leider gehörten meine Eltern nicht zu der Spezies welche das, aus meiner Sicht unverkennbare, Talent auf zwei Rädern förderten. Aus diesem Grund sah ich mich gezwungen, meine Karriere selbst in die Hand zu nehmen. Da ich als zehnjähriger nicht sehr gross war, kam mir die quasi ungebrauchte Honda Monkey meines Vaters sehr entgegen. Als mein Vater die Gebrauchsleihe bemerkte, hielt sich seine Begeisterung mehr als nur in Grenzen: Weder meine Karriere noch mein guter Wille zur Verhinderung von Standschäden akzeptierte er als Grund für die Ausfahrten während seines sonntäglichen Mittagsschlafs…

Seufzend nahm ich zur Kenntnis, dass er meine Karriere auch indirekt nicht materiell unterstützen will. Also musste ein eigenes Motorrad her. Vom sauer ersparten Geld kaufte ich mir als 12-jähriger eine Suzuki TS 125 um in der nahe gelegenen Kiesgrube mein Talent zu schulen. Die Intervention meiner Eltern konnte ich unmöglich riskieren und handelte aus diesem Grund streng nach dem militärischen Vorsatz “Kenntnis nur wenn nötig”. Allerdings erhielten sie unweigerlich Kenntnis davon, nachdem ich auf dem Rückweg in eine zivile Polizeikontrolle gefahren bin. 

Die Stimmung zu Hause war leicht gereizt und nach einigen zusätzlichen, aus meiner Sicht nicht erwähnenswerten, Eskapaden auf vier Rädern wurden einschneidende Massnahmen beschlossen: Ich musste mit 14 Jahren zusätzlich 3 Monate warten, bis ich mein Puch X-30 in Empfang nehmen durfte. Diese Strafe hat mich hart gezeichnet und ist für sämtliche meiner charakterlichen Mängel verantwortlich… Endlich war es so weit: Ich konnte mein handgeschaltetes 2-Gang Mofa in Empfang nehmen.

Da traf es sich gut, das meine Eltern ein paar Tage in die Ferien verreisten und ich einen guten Draht zu den Mechaniker Lehrlingen von Blatter hatte: Die Zerlegung und Optimierung fand noch am Abend der Abreise meiner Eltern fein säuberlich auf einer Tischdecke meiner Mutter statt. Trotz aller eingeleiteten Tuning-Massnahmen stellte sich heraus, dass das Mofa für einen pubertierenden Junghelden wie mich zu schwach war. 

Ein altes Florett kollabierte unter den Einflüssen der Tongrube, nach dem wir den Klippensprung aus “Denn sie wissen nicht was sie tun” nachgespielt haben. Eine gebrauchte SWM Enduro schaffte Abhilfe und taugte ebenfalls für den Einsatz in der Grube. Stilecht wie Steve McQueen fuhr ich mit nacktem Oberkörper Off-Road, meine Mutter hat den kulturellen Hintergrund bis heute nicht verstanden…

Für den Weg in meine erste Lehre erhielt ich von einem Kollegen eine alte Honda 125. Die musste ich allerdings so lange anschieben, dass ich den Weg ebenso gut laufen konnte. In meiner zweiten Lehre konnte ich mir eine Aprilia 125 Extrema leisten. Frisch aus dem Showroom wurde das Neufahrzeug zerlegt und optimiert. Da war es sehr hilfreich, dass sich mein Lehrbetrieb Swissauto bestens mit schnellen Zweitaktern auskannte. Die Fahrleistungen waren verblüffend, die Haltbarkeit jedoch etwas weniger…

Bei Swissauto kam ich ebenfalls in Kontakt mit der ersten Honda RC30. Die Perfektion des Motorrads faszinierte mich nachhaltig und ist bis heute geblieben. Die Fertigstellung des bei Swissauto begonnen und mechanisch fertig gestellten Prototyps mit Segale Rahmen bot sich als interessantes Motorrad – Projekt an. 

Mit der Ducati 916 erschien wieder ein Meilenstein auf dem Motorradmarkt, gefolgt von der atemberaubenden MV Agusta 750S. Als labiler Charakter konnte ich unmöglich widerstehen. Leider fand mit MV ebenfalls eine Feldzerlegung statt. Diesmal jedoch ungeplant und im Schwarzwald anstatt ordentlich auf einem Küchentuch…

Unvergessen sind die wilden Jahre, in welchen wir von Grenoble bis Nizza ein einziges Strassenrennen fuhren. Heute kaum mehr vorstellbar, operierten wir in einem noch weitgehend rechtsfreien Raum.

Die Ducati 748 R2 war ein würdiger Nachfolger der MV und funktionierte mechanisch deutlich besser. Ich kann mir heute noch die Haare raufen, dass ich dieses Motorrad verkauft habe. Das von Werk auf vorne wie hinten mit Oehlins – Fahrwerk versehene Motorrad war das limitierte Homologationsmodel von Ducati für die Supersport WM.

Mit einer Suzuki Big 800 bereiste ich den Mittelmeer Raum und sammelte viele wunderbare Erinnerungen. Dabei fühlte ich mich wie die bereits angesprochenen Dakar-Helden und aus jeder Staubstrasse wurde in Gedanken eine Rally Sonderprüfung.

Während dem Besuch der Fachhochschule Bern, versuchte ich jede Praktikums-, Projekt-, Semester- und natürlich die Abschlussarbeit in Richtung Motorrad zu drücken, was mir gar nicht schlecht gelang.

So ist der Rückblick in meine Jugend zwangsläufig auch ein Rückblick in die Welt der Motorräder. Damit verknüpft sind viele schöne und auch einige schmerzliche Memoiren.

Aufgrund meiner beruflich bedingten Abwesenheit musste die Motorrad – Liebe dann jahrelang zurück stehen. Als mir 2014 ein englischer Kollege in der krisengeschüttelten Zentralafrikanischen Republik eine Ausgabe von “Performance Bike” in die Hände drückte, war für mich die Rückkehr zu den Zweirädern beschlossene Sache. Unmittelbar leitete ich die nötigen Schritte ein und krempelte mein Leben noch mal komplett um und gründete Ende 2014 Track & Street Corner.

Wirtschaftlich gesehen sicher nicht die intelligenteste Entscheidung, aber wo die Liebe hinfällt…

Und heute? Obwohl ich täglich mit Motorrädern zu tun habe, ist die Liebe geblieben. Sie hat sich allerdings ein wenig verändert: Brennendes Verlagen ist einer sachlicheren Beurteilung gewichen. Mechanische Lösungen und Details haben in der Priorität das Motorrad fahren abgelöst. Das anfallende Arbeitspensum trägt das nötige dazu bei. 

Trotzdem gebe ich mir Mühe, mich in unregelmässigen Abständen auf’s Motorrad zu setzen. Sei es vereinzelt auf der Rennstrecke oder in letzter Zeit wieder öfters auf der Strasse. Und da ist es wieder, dieses Gefühl wie früher!

MIRROR

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