Billige Umbauten

Des öfteren werde ich in meinem Atelier mit der Forderung nach einem “billigem” Umbau konfrontiert. Auffallend ist die Häufung der Anfragen bei Späteinsteigern in die Zweirad – Welt.  Im Vordergrund stehen beim Kunden oft Optik und Auftretten. Die mechanische Ausführung des Ganzen sowie der Perfektionsgrad der Details kümmern meist weniger. Die Vorstellungen sind oft untermauert durch Bilder und Projektbike-Offerten aus dem Internet.

Nun möchte ich diesen Wünschen gerne nachkommen, allerdings ist das gar nicht so einfach. Der Gedanke dass ein billig gekauftes Projektmotorrad zu einem kostengünstigen Endresultat führt ist in den allermeisten Fällen ein Trugschluss: Während sich der Aufwand bei einer gesunden, gepflegten und unterhaltenen Basis auf den Umbau- und Zulassungsaufwand reduziert, muss bei der Grosszahl der billigen Projektbikes eine komplette Restauration / Revision eingeleitet werden. Bei einem umfassenden Umbau ist das nicht weiter tragisch, da das Motorrad aufgrund der anstehenden Modifikationen ohnehin komplett zerlegt werden muss. Hingegeben sehe ich es nicht als richtige Lösung für ein durch Kosten stark limitiertes Projekt an.

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Umbauten auf nicht professioneller Basis

Der Arbeitsaufwand bei einem Umbau ist beträchtlich und wird durch den Perfektionsgrad der Ausführung massgebend mit bestimmt. Entgegen einer weit verbreiteten Meinung arbeitet der Umbauer nicht zur reinen Freude, sondern muss seine Arbeit in den meisten Fällen auf kommerzielle Beine stellen. Damit ergibt sich zwangsläufig ein markgerechter Stundenansatz, welcher Arbeitsaufwand, Einrichtungen und Investitionen sowie Geschäftskosten und umweltgerechte Entsorgungen deckt. 

Natürlich gibt es Möglichkeiten, den Umbau auf privater Ebene kostengünstig zu organisieren. Entsprechende “Mechaniker” können die Dienstleistung aufgrund einer “Quersubventionierung” von ihrem Hauptgewerbe und ohne anfallende Geschäftskosten meist deutlich billiger anbieten. Für den Kunden ist dies Segen und Fluch zugleich: dem tieferen Stundenansatz stehen oft endlose Umbauzeiten (Umsetzung als Nebentätigkeit) entgegen. Das Internet ist voll von angefangenen Projektbikes: meist wurde der Umbauaufwand unterschätzt oder es gibt Probleme mit der Zulassung. Je nach Ausbildungsgrad fallen die Detaillösungen dann doch oft sehr speziell und nicht zwingend zulassungskonform aus. Zu diesem Thema erlaube mir einige Fotos aus “TSC’s Horrorkabinett” zu veröffentlichen.

TSC’s Horrorkabinett

Heckkürzungen

Eintragungsfähige Heckkürzung benötigen die Zertifizierung durch eine unabhängige Prüfstelle. Diese stellen sicherheitsrelevante Anforderungen an Konstruktion und Ausführung der Heckkürzung. Leider werde ich oft mit Umbauten ohne die entsprechende Umsetzung konfrontiert. Unfachmännische Schweissarbeiten, schlechte Passungen, improvisierte Fixierungen mit Blechschrauben und Änderungen an der tragenden Struktur sind die Hauptmerkmale der nicht zulassungsfähigen Änderungen. Mir tun die (oft betrogenen) Besitzer entsprechender Bikes leid, da die Korrektur oft in keinem Verhältnis zum Fahrzeugwert steht.

Elektrik

Die Ausführung der Fahrzeug – Elektrik / Elektronik erweist sich oft als Hauptfehlerquelle für liegen gebliebene Umbauten. Die Fehlersuche gestaltet sich bei entsprechenden Umbauten oft als schwierig und zeitintensiv. Kabel sind oft wirr verlegt, Verbindungen nicht abgedichtet und mangelhaft vernietet / verlötet.

Rahmenschäden – Gabelbrücken – Halter – Ansauganlage

Motorräder mit beschädigten Rahmen, nicht zulassungsfähige Gabelbrücken, hässlich zusammen geschweisste Halter aus Baustahl und offene Luftfilter ohne Lärm- und Abgasprüfung sind nur einige der nicht zulassungsfähigen Umbaumassnahmen.

Sitzkonstruktion

Abenteuerliche Sitzkonstruktionen aus Baumaterial von unsäglichem Gewicht und in zweifelhafter Ausführung sind leider an der Tagesordnung. Das ganze wird oft unprofessionel mit einem minderwertigen Bezug tapeziert.

Kategorien

Nicht selten landen entsprechende Projekte in meiner Werkstatt. Dabei gilt es in folgende Kategorien zu unterscheiden: 

  • unangetastete Projektbikes: eigentlich die dankbarste Kategorie, das nichts “verbastelt” ist. Eine detaillierte Offerte von TSC steckt grob den finanziellen Rahmen ab und liefert dem Kunden eine Entscheidungsgrundlage für das weitere Vorgehen.
  • angefangene und nie fertig gestellte Projekte: je nach bereits geleitsteten Vorarbeiten können diese durch TSC fertig gestellt und geprüft werden. Die anfallenden Kosten decken sich nicht zuletzt aufgrund der Zulassungsanforderungen und dem damit verbundenen Arbeitsaufwand  nicht mehr zwingend mit der ursprünglichen Kostenvorstellung des Kunden.
  • geprüfte und dann erst umgebaute Motorräder: Eine weit verbreitete Praxis bei Cafe Racer Umbauten. Das Fahrzeug wird frisch vorgeführt und im Anschluss umgebaut und verkauft. Die Fahrzeuge sind meist mit Umbaumassnahmen versehen welche in der Schweiz nicht oder lediglich mit grossem finanziellen Aufwand zulassungsfähig sind. Diese Fahrzeug wurden vom Endkunden meistens billig erstanden, weil ohne Rücksicht auf Normen und Ausführung umgebaut. In den wenigsten Fällen ist der Kunde dann bereit, die Mehraufwendungen für eine Zulassung in der CH auf zu bringen. 
  • Ohne notwendige Gutachten und Zertifikate geprüfte Fahrzeuge. Um diese Kategorie greifbar zu machen, müssen wir den primären Auftrag der Prüfexperten verstehen: Die Überprüfung der Verkehrssicherheit. Im Zentrum der zeitlich stark limitierten Untersuchung des Fahrzeugs stehen dem zu Folge die Prüfung von Lichtanlage und Bremsen sowie von Fahrwerks- und Sicherheitsfunktionen. Dadurch kann es vorkommen, das versteckte Umbaumassnahmen nicht entdeckt und beanstandet werden. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass das Fahrzeug nicht zulassungskonform ist. Schon gar nicht lässt sich dadurch ein Gewohnheitsrecht ableiten (“aber das Fahrzeug wurde so geprüft”). Die Behebung der Mängel zur Erreichung der CH Strassenzulassung geht einher mit der vorhergehenden Kategorie und lässt sich nicht pauschal beurteilen

Wie vorgehen?

Welches Vorgehen rate ich dem Kosten – orientierten Kunden in diesem Segment? Ich sehe hier primär zwei befriedigende Möglichkeiten: 

  1. Umbau auf gesunder Basis innerhalb der Richtlinien für eine CH Zulassung. Die Verwendung eines älteren Bikes als Umbaubasis hat durchaus seinen Reiz: ehrliche Mechanik in Verbindung mit einem Klang, welcher sich noch deutlich von einem Staubsauger unterscheidet. Bedingung für eine kostengünstige Umsetzung ist jedoch eine gesunde Basis und die Einhaltung der CH Zulassungsvorschriften. Umbautechnisch sind dem Projekt demzufolge Grenzen gesetzt, aber bei geschickter Motorradwahl lässt sich durchaus etwas Nettes machen.
  2. Retrobikes: Royal Enfield, Moto Guzzi, Triumph u.a. bieten für relativ wenig Geld problemlos funktionierende und optisch attraktive Retrobikes an. Die Fahrzeuge sind erprobt, zuverlässig und zulassungsfähig. Natürlich entsprechen sie nicht dem oft geforderten Anspruch nach Individualität, die Fahrzeuge lassen sich jedoch mit überlickbarem Aufwand individualisieren.

Bei Unsicherheiten bezüglich der Beschaffung von Projekt- und Retrobikes stehe ich gerne zur Verfügung: die allermeisten „Fehlkäufe“ können dadurch vermieden werden. Track & Street Corner bietet ebenfalls Prüfabklärungen sowie das Erstellen von Vor – Projekten und deren technische Dokumentation an. Dies erlaubt die detaillierten Abklärungen zur Umsetzung zu definieren und erspart dem Kunden frustrierende Projektabbrüche.

Handgemachtes Unikat

Ein handgemachter und in der Schweiz zulassungsfähiger Komplett – Umbau wird bei befriedigender Ausführung nie das tiefe Preisniveau der beiden oben genannten Alternativen erreichen. Allerdings bleibt diese Variante für Freunde des individuellen Motorradbaus die befriedigendste Lösung. Ein entsprechender Werterhalt relativiert die Investition und bereitet dem Kunden eine zeitlose Freude.

Wertvorstellungen

Interessant scheint mir das Begehren nach handgefertigten Motorrädern, ohne dabei für den entstehenden Arbeitsaufwand aufkommen zu wollen. Hier muss ich einige potentielle Kunden enttäuschen: Bei der Preisgestaltung handelt es sich weder um Spekulation noch um Willkür, sondern um die sachliche Entlöhnung von Arbeitsaufwand. 

Die Entwicklung und Umsetzung individueller Lösungen orientiert sich an einer klassischen Manufaktur und lässt keinen Platz für Lösungen aus dem „Gruselkabinett“. Ausführung, Individualität und investierter Arbeitsaufwand schaffen schlussendlich die Grundlage zu einer Einzelanfertigung mit entsprechenden Werterhalt.

ATELIER

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