Moderne Fahrzeugelektronik hat uns ohne Zweifel Vorteile gebracht. Noch nie waren leistungsstarke Motorräder so einfach zu fahren wie heute. Über elektronische Assistenz – Systeme wurde bereits viel lamentiert. Der Punkt, welcher mich an der Fahrzeugelektronik mehr beschäftigt ist jedoch ein anderer.
Kein Motorradfan kann, egal in welcher Sparte er Zweirad-technisch aktiv ist, kann sich der Faszination von leistungsfähigen Sportmotorrädern völlig entziehen. Das Selbe gilt für mich: Obwohl selbst im Bereich handgefertigter Unikate tätig, ertappe ich mich selbst dabei wie mein Hauptaugenmerk bei Ausstellungen den schnellsten Zweirädern gilt.
Auch wenn aufgrund der aktuellen verkehrspolitischen Situation der Verkauf von Sportmotorrädern stagniert, bleiben sie Vorreiter und Technologieträger für eine breite Masse von Strassenmotorrädern. Dies beschert uns heute in jeder Klasse Motorräder mit beeindruckender und noch vor 10 Jahren kaum vorstellbarer Leistung.
Das Ganze standfest, sauber, leise und sicher serviert. Ohne Fahrzeugelektronik wäre dies nicht machbar. Wo aber liegt die Kehrseite der Medaille?

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Die Vernetzung des Fahrzeugs macht im Gegenzug das Auslesen von Daten über Fahrzustände und Funktionen einfach. Dies geschieht spätestens beim Einstecken des Diagnosegeräts zur Rücksetzung des Wartungsintervalls in der Werkstatt.
Welche Daten dabei ausgelesen werden, bestimmt der Hersteller. Was die technischen Daten anbelangt hat das nicht nur Nachteile: Eine enorme Datenmenge erlaubt dem Hersteller technische Problemstellen gezielt einzukreisen und auszumerzen. Technische Defekte können früh erkannt werden und allfälligen Schäden kann vorgebeugt werden. Ferndiagnose – Systeme können dynamisch eingreifen und vor Schäden schützen.
Der Austausch von Daten über Fahrzustände und geographische Informationen wird durch das Datenschutz -Gesetz teilweise abgesichert, aber wer soll das schon kontrollieren? Über dieses Thema wurde auch schon ausreichend lamentiert. Fakt ist, das der grösste Teil der Bevölkerung diese Daten bereits per Smartphone überträgt, da fallen die Daten des Motorrads aus meiner Sicht nicht mehr ins Gewicht.

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Daten auszulesen, ist eine Sache. Was mir jedoch viel mehr Sorgen macht, ist die Veränderung der Daten. Ich sage es ungern, aber davon betroffen sind weitgehend europäische Motorräder. Wie kann es sein, dass ein Motorrad beim Kauf wunderbar funktioniert, jedoch mit jedem Service schlechter fahrbar wird? Bis am Schluss nur noch ein andauerndes Mager-Ruckeln übrig bleibt. Und damit hat der Kunde faktisch nicht mehr das Motorrad, welches er aufgrund seiner Eigenschaften gekauft hat. Verschleisserscheinungen? Ein Einzelfall?
Ganz bestimmt nicht: Sobald der Diagnose- oder Service Rücksteller angesteckt ist, wird eine neue Software aufgespielt. Klingt nach Optimierung, ist für den Kunden jedoch nicht in allen Fällen von Vorteil. Der Verdacht liegt nahe, das hier in das Abgas- und Lärmmanagement eingegriffen wird. Ob die Neufahrzeuge wirklich den geltenden Lärm- und Abgasnormen entsprochen haben? Wird jetzt per Software laufend “nachgebessert” bis das Motorrad nicht mehr fahrbar ist?
In mehreren mir bekannten Fällen ist der Händler nicht mehr in der Lage, die ursprüngliche Software aufs Steuergerät zu spielen. Jedoch keine Sorge: das Fahrzeug bringen wir schon wieder ordentlich zum Laufen. Mit der Software eines Drittanbieters. Der Kunde ist wieder glücklich, und der Hersteller auch: hat er doch mit diesem Schritt die Manipulations – Schuld an der Software elegant zum Kunden abgeschoben. Dieser freut sich ahnungslos über die wieder erlangten guten Fahreigenschaften seines Motorrads, auch wenn dies nur mit einer entsprechenden Investition erreicht worden ist…
Noch perfider ist die Beeinflussung der Motorelektronik via Fernzugriff. Einfach realisierbar z.B. über die Integration einer SIM Karte. Ich glaube kaum, dass sich der Hersteller im Falle eines entsprechenden Updates darum kümmert, ob wir gerade das Knie am Boden haben oder das Motorrad in der Garage steht.

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Denken wir noch einen Schritt weiter und entlarven das Automobil weiter als “technologischen Vorreiter”. Jedem über ein Steuergerät aktivierten elektronischen Bauteil kann nun eine “elektronische Lebensdauer” einprogrammiert werden. Damit kann das Steuergerät beliebige mit ihm vernetzte Komponenten nach dem Erreichen der vom Hersteller definierten Lebensdauer (z.B Bremslichtschalter 5000 mal betätigt) auf “defekt” schalten. Welche Massnahmen zur Behebung notwendig sind, bestimmt weitgehend der Hersteller. Und plötzlich steht der Austausch von mehreren tausend Franken teuren Steuergeräten an…
Also werden gealterte Motorräder aus dieser Generation mit einem Schlag wertlos, da sich eine Reparatur nicht mehr lohnt. Die Fahrzeug werden beim Markenhändler Ihres Vertrauens eingetauscht und gelangen so zum Hersteller zurück. Der kann sie elektronisch wieder aktivieren und nach der “Reparatur” z.B. in Zweit- und Drittweltländer verkaufen. Da muss er sich auch nicht mit hoch gesteckten Abgasnormen rum schlagen. Interessant ist, wie wir uns trotz verwurzeltem Umweltdenken  auch in diesem Bereich zur Wegwerfgesellschaft entwickeln.

Je länger ich darüber nachdenke, desto glücklicher werde ich mit einem nicht restlos sauber abgestimmten Vergaser in Kombination mit einer Unterbrecherzündung…

TECHNICS

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